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Vilém Flusser: Einhundert Zitate, ed. by Rainer Guldin and Andreas Müller-Pohle, Edition Flusser, Berlin 2020

Einführung

Vilém Flusser wurde am 12. Mai 1920 in Prag in eine wohlhabende jüdische Intellektuellenfamilie geboren. Sein Vater Gustav Flusser hatte Mathematik und Physik studiert und war ein Vertreter der Sozialdemokratischen Partei im Parlament. Nach Absolvierung der deutschen und tschechischen Volksschule besuchte Flusser das deutsche Realgymnasium in Prag. 1938 begann er ein Studium der Philosophie an der juristischen Fakultät der Karls-Universität Prag. Kurz nach der Besetzung Prags durch die Nationalsozialisten im März 1939 flüchtete er zusammen mit seiner zukünftigen Frau Edith Barth und deren Familie zuerst nach London und von dort nach Brasilien. Flusser verlor seine gesamte Familie in den Konzentrationslagern.

Als Flusser im Spätsommer 1940 nach einer Atlantiküberquerung an Bord des Schiffes Highland Patriot den Hafen von Rio de Janeiro erreichte, erfuhr er als erstes vom Tod seines Vaters in Buchenwald. Edith und Vilém heirateten am 15. Januar 1941. Die Tochter Dinah wurde am 19. November desselben Jahres geboren, am 28. Juni 1943 folgte Miguel Gustavo und am 3. Oktober 1951 Victor. Die erste Zeit in Brasilien verbrachte er zwischen der verhassten täglichen Büroarbeit und ausschweifenden nächtlichen Lektüren. Er fühlte sich entwurzelt, orientierungslos und schuldig, als einziger seiner Familie überlebt zu haben. Er verlor die Lust am Leben und spielte mit dem Gedanken an Selbstmord.

Dies änderte sich Anfang der 1960er Jahre, als es ihm gelang, Kontakt mit der intellektuellen Szene von São Paulo aufzunehmen. Flusser begann, Vorträge über Sprachphilosophie zu halten und publizierte erste Beiträge in brasilianischen Zeitschriften und Zeitungen. Sein erstes Buch Língua e Realidade (Sprache und Wirklichkeit) erschien 1963. Bis zu seiner endgültigen Rückkehr nach Europa 1972 arbeitete Flusser für verschiedene Universitäten. So war er Dozent für Kommunikationstheorie an der Fakultät für Kommunikation und Geisteswissenschaften der Fundação Armando Alvares Penteado in São Paulo und hielt Vorlesungen über Sprachphilosophie an der Humanistischen Fakultät des Technologischen Instituts für Aeronautik in São José dos Campos. Flusser publizierte bald schon täglich. Kurz vor der Rückkehr 1972 erschien für kurze Zeit in der Folha de São Paulo, einer der größten Tageszeitungen des Landes, die tägliche Kolumne „Posto Zero“ (Nullpunkt), kleine Glossen mit kritisch-ironischem Unterton.

1971 während einer Reise nach Europa, die der Vorbereitung der Biennale von São Paulo dienen sollte, beschlossen Edith und Vilém, nach Europa zu übersiedeln. Nach dem Militärputsch von 1964 war es für ihn gefährlich geworden, zudem waren seine Kinder inzwischen herangewachsen, und er suchte eine neue intellektuelle und existenzielle Herausforderung. In den ersten Jahren in Europa lebten sie zwischen Südtirol, wo sie den Herbst und Winter verbrachten, und Frankreich, wo Flusser Vorträge hielt und an Symposien teilnahm. 1975 ließen sie sich in der Provence nieder, und 1981 erwarben sie ein Haus in Robion, wo sie bis 1991lebten. Trotzdem hielt ihr von zahlreichen Reisen quer durch Europa und häufigen Vorträgen charakterisiertes nomadisches Leben an.

Anfang der 1980er Jahre verlagerten sich Flussers intellektuelle Aktivitäten zusehends nach Deutschland. 1983 veröffentlichte er Für eine Philosophie der Fotografie, sein bis heute erfolgreichstes Buch, das bislang in 22 Sprachen übersetzt wurde. Ihm folgten im Laufe der 1980er weitere Erstveröffentlichungen in deutscher Sprache, darunter, als früher Vorläufer des E-Books, eine Computer-Diskettenausgabe seines Buches Die Schrift – Hat Schreiben Zukunft? Unterstützt durch zahlreiche Vortragsreisen und Teilnahmen an Symposien wurde er in den folgenden Jahren, vor allem im deutschen Sprachraum, als „digitaler Denker“ und Visionär der neuen Informationstechnologien bekannt. Auf dem Höhepunkt seines Wirkens starb er bei einem Autounfall am 27. November 1991 nahe der deutsch-tschechischen Grenze. Am Tag zuvor hatte er seinen ersten Vortrag am Goethe-Institut seiner Heimatstadt Prag gehalten.

Flusser ist ein oft irritierender, dabei aber ungemein inspirierender und hintergründiger Denker, der alles Systematische und Dogmatische verabscheut hat. In einem unveröffentlichten Text aus den frühen 1970er Jahren beschreibt er den wahren Intellektuellen als eine impertinente Mücke, die durch ihr penetrantes Gesumme die Gesellschaft daran hindert, vor sich hin zu dösen. Wenn sie endlich aufhört, sich in der Luft zu drehen, sticht sie plötzlich hinterlistig zu, um ihre Opfer mit ihrem Gift zu infizieren.

Flussers Denken und Schreiben kultiviert das Provisorische und Unfertige, den permanenten Standortwechsel, um in immer neuen, überraschenden Perspektiven und Querbezügen eingefahrene Denkgewohnheiten zu durchkreuzen. Sein oft bissiger Humor, seine Lust am Schlachten heiliger Kühe, seine mit Finten und Wendungen gespickten Thesen zielen dabei vor allem auf eines: sein Publikum in einen Dialog zu verwickeln.

Flusser ist ein Philosoph des Mehrdeutigen, Widersprüchlichen, Transformativen. So hat er seine Texte auf Deutsch, Portugiesisch, Englisch und Französisch geschrieben und diese immer wieder selbst übersetzt und rückübertragen. Neben zahlreichen Büchern und unzähligen Essays hat er satirische Zeitungsglossen, Rezensionen, Philosophiefiktionen, Gedichte und ein Theaterstück verfasst. Flusser hat kein Tagebuch geführt, aber jeden Tag in Terminkalendern festgehalten und akribisch notiert, wo er gewesen war und wen er getroffen hatte. Sein hybrides essayistisches Werk, das sich den verschiedensten Themen widmet, bewegt sich zwischen Philosophie, Literatur, Kunst und Wissenschaft.

Mit diesem Buch wollen wir auf eine ganz bestimmte Dimension von Flussers Denken und Schreiben aufmerksam machen: seine Kunst der Verknappung und Verdichtung. In seinen Schriften offenbart sich ein Schatz prägnanter und konziser Formulierungen, die in der aphoristischen Tradition Georg Christoph Lichtenbergs und Arthur Schopenhauers gesehen werden können. Eine Auswahl dieser vielschichtig schillernden Gedankensplitter haben wir hier zum ersten Mal zusammengetragen.

Die in diesem Buch versammelten Zitate erscheinen aus Anlass des hundertsten Geburtstags Flussers. Sie sind ein Versuch, der Themenbreite und Vielfalt, aber auch der Originalität und Aktualität seines Denkens gerecht zu werden. Obwohl eine nicht geringe Zahl von Beiträgen unserer Regel der quantitativen Beschränkung zum Opfer fallen musste, schwingen diese doch hintergründig mit. Es ist unsere Hoffnung, liebe Leserinnen und Leser, dass Ihnen die auf den folgenden Seiten zusammengestellten Sentenzen nicht nur zu vergnüglichem Nachdenken verhelfen, sondern Sie zugleich inspirieren, tiefer in das Werk dieses einzigartigen Denkers einzusteigen.

Rainer Guldin / Andreas Müller-Pohle